Höxter (TKu). Auf einen Kaffee mit… Erwin Henkelüdeke. Es sind Erinnerungen, die sich tief eingebrannt haben. Erinnerungen an einen Frühlingstag im April 1945, an ein Fußballspiel mit Freunden, an Wehrmachtssoldaten in einer nahegelegenen Reithalle und an das Pfeifen eines Geschosses, das nur Sekunden später genau dort einschlug, wo die Kinder wenige Augenblicke zuvor noch gespielt hatten.
Der Höxteraner Erwin Henkelüdeke war damals sieben Jahre alt. Heute, mehr als 80 Jahre später, erzählt der ehemalige Löschzugführer der Freiwilligen Feuerwehr Höxter noch immer eindringlich von jenen Stunden, als der Zweite Weltkrieg auch in Höxter sein Ende fand. Henkelüdeke, der in den 1970er-Jahren den Löschzug Höxter leitete und den Neubau des Feuerwehrgerätehauses am Petriwall mit voranbrachte, gehört bis heute der Ehrenabteilung der Feuerwehr an. Selbst mit inzwischen 88 Jahren nimmt er jedes Jahr noch an der traditionellen Maiwanderung teil, die am Feuerwehrgerätehaus endet. Genau dort kehrten die Erinnerungen zurück.
Fußballplatz neben der Reithalle
„Der Platz war damals ideal zum Fußballspielen“, erzählt Henkelüdeke. Wo heute die Umgehungsstraße verläuft und das Feuerwehrgerätehaus steht, befanden sich damals von der Wehrmacht genutzte Gebäude wie eine Reithalle sowie ein großer freier Vorplatz bis hin zum Petriwall.
Direkt daneben wohnte seine Familie in dem Wohnhaus, das später von 1995 bis 2019 als Rettungswache diente und heute vom Höxter-Tisch genutzt wird. An jenem Tag im April 1945 spielte der kleine Erwin mit seinen Freunden Fußball auf dem Platz. Irgendwann verloren die Jungen die Lust am Spiel und gingen hinüber zur Reithalle. Dort hielten sich Wehrmachtssoldaten auf. Sie bewachten Material, hatten ein Lagerfeuer entfacht und warteten offenbar auf weitere Befehle. Dann änderte sich innerhalb weniger Sekunden alles.
Einschlag nur Sekunden später
„Plötzlich hörte ich ein lautes Pfeifen über mir“, erinnert sich Henkelüdeke. Kurz darauf schlug ein amerikanisches Geschoss genau auf dem Fußballplatz ein – an jener Stelle, an der die Kinder kurz zuvor noch gespielt hatten.
Das Geschoss sei aus Richtung Bielenberg abgefeuert worden, berichtet der Zeitzeuge. Amerikanische Truppen hatten Höxter bereits erreicht und beobachteten offenbar die Bewegungen rund um die Reithalle. Ziel des Beschusses seien laut Henkelüdeke die dort stationierten Wehrmachtssoldaten gewesen. „Sie konnten genau sehen, was dort rein und raus ging“, sagt Henkelüdeke.
Die Reaktion der Soldaten beschreibt er bis heute eindringlich: Sofort seien sie aufgesprungen und aus dem Hallentor geflüchtet. Kurz darauf erschien seine Mutter und brachte die Kinder in den Luftschutzkeller. Für Henkelüdeke war dies der erste direkte Beschuss auf Höxter.
„Das Kriegsende war eine Erlösung“
„Etwa eine Viertelstunde später begann dann der allgemeine Beschuss“, erinnert er sich weiter. Die Amerikaner hätten bereits am Bielenberg und bei Fürstenau gestanden. Viele Granaten seien in den Kastanienbäumen detoniert, andere weiter in Richtung Innenstadt geflogen.
Dass der Krieg sich seinem Ende näherte, war den Menschen in Höxter längst bewusst. Schon zuvor hatten viele Bewohner beobachtet, wie deutsche Panzerverbände über die Weserbrücke in Richtung Solling flohen. Die Front rückte unaufhaltsam näher.
„Für uns war das Kriegsende eine Erlösung“, sagt Henkelüdeke heute. „Ich habe die ganzen Luftangriffe mitbekommen.“ Die Menschen wussten damals bereits, dass amerikanische Truppen in Paderborn standen und auf den Kreis Höxter vorrückten. Aus westlicher Richtung war immer wieder Artilleriedonner zu hören. Tiefflieger kreisten über dem Wesertal, Fahrzeuge brannten, deutsche Einheiten befanden sich auf dem Rückzug.
Amerikanische Truppen erreichen Höxter
Historisch erreichten amerikanische Truppen Höxter am 7. April 1945. Vermutlich gehörten die Einheiten zur 83. US-Infanteriedivision, der sogenannten „Thunderbolt Division“. Nach dem Rheinübergang südlich von Wesel Ende März rückten die amerikanischen Verbände mit großer Geschwindigkeit ostwärts vor. Ziel war die Weserlinie und der schnelle Vormarsch in Richtung Mitteldeutschland.
Die Wehrmacht versuchte zwar noch, die Weser als Verteidigungslinie zu nutzen, doch die militärische Lage war längst aussichtslos. Beim Rückzug wurden zahlreiche Brücken gesprengt, darunter auch die Weserbrücke in Höxter und die Eisenbahnbrücke bei Corvey. Dennoch konnten die amerikanischen Truppen ihren Vormarsch kaum noch aufhalten.
Höxter blieb größere Zerstörung erspart
Während es in Teilen des Weserberglandes noch zu schweren Gefechten kam, wurde Höxter vergleichsweise schnell aufgegeben. Historische Quellen berichten zwar von einzelnen Einschlägen und Kriegsschäden nahe dem Rathaus, jedoch nicht von einer flächendeckenden Zerstörung der Altstadt.
Kampfhandlungen konzentrierten sich vor allem auf die Weserübergänge, die Brückenanlagen und das Umfeld der Eisenbahnbrücke bei Corvey. Dass Höxter vergleichsweise glimpflich davonkam, lag vermutlich am schnellen deutschen Rückzug und daran, dass die Stadt kein bedeutender Industriestandort war. Die amerikanischen Verbände wollten ihren Vormarsch Richtung Harz und Elbe möglichst rasch fortsetzen.
Fotos: Thomas Kube